10.04.2017

Pflege-Report 2017: Zu viele Psychopharmaka für Heimbewohner

Ein Teil der rund 800.000 Pflegeheimbewohner in Deutschland erhält zu viele Psychopharmaka. Besonders betroffen sind die rund 500.000 Demenzkranken. Zu diesen Ergebnissen kommt der Pflege-Report 2017. Für den Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) sind die Ergebnisse keine Überraschung.

Dem Report zufolge erhielten gut 30% der Bewohner ein Antidepressivum, wobei es kaum Unterschiede zwischen Pflegebedürftigen mit oder ohne Demenz gibt. Dagegen bekommen 40% der Bewohner mit Demenz dauerhaft mindestens ein Neuroleptikum, aber nur knapp 20% der Heimbewohner ohne Demenz.
Mit Blick auf unerwünschte Nebenwirkungen wie Stürze, Schlaganfälle oder Thrombosen warnt die klinischen Pharmakologin Prof. Petra Thürmann: "Neuroleptika werden als Medikamente zur Behandlung von krankhaften Wahnvorstellungen, sogenannten Psychosen, entwickelt. Nur ganz wenige Wirkstoffe sind zur Behandlung von Wahnvorstellungen bei Demenz zugelassen, und dann auch nur für eine kurze Therapiedauer von sechs Wochen." Der breite und dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Bewohnern mit Demenz verstoße gegen die Leitlinien. Dabei verweist die Expertin aufs Ausland. Während 54% der spanischen und 47% der deutschen demenzkranken Heimbewohner Neuroleptika erhalten, sind es nur 12% in Schweden und 30% in Finnland. "Es scheint also Spielraum und Alternativen zu geben", so das Mitglied des Sachverstän-digenrates des Bundesgesundheitsministeriums.
Der Report zeigt trotz eines Rückgangs der Verordnung von Psychopharmaka, wie dringend weiterer Handlungsbedarf besteht, kommentiert der DBfK. Für die Betreuung von Menschen mit Demenz und den Umgang mit ihren Krankheitssymptomen gebe es wissenschaftlich evaluierte bewährte Pflegekonzepte. Sie im Alltag umzusetzen erfordere allerdings hohe fachliche Kompetenz und die nötigen Zeitressourcen. DBfK-Sprecherin Johanna Knüppel: "An beidem wird seit langem gespart, Personalnot und stetig zunehmender Zeitdruck führen zu einer Überlastung der Pflegefachpersonen im Umgang mit schwer demenziell erkrankten Pflegeheimbewohnern." Das Ruhigstellen durch den "chemischen Cocktail" könne und dürfe aber keine Lösung sein.

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